50 Jahre Dortmund Leeds.
Was uns verbindet
Ein Streifzug durch private 
und andere Fotoalben

 

Was verbindet uns? Was können wir gemeinsam schaffen? In Zeiten von Ausgangssperren, Social Distancing und Kontaktverboten sind diese Fragen emergenter denn je. Solidarität, das Bilden von Gemeinschaften, Teams, Freund_innenschaften, Partner_innenschaften – auch über heteronormative Vorstellungen hinweg – helfen uns, schwierige Zeiten zu überstehen. In einer Situation, in der diese Fürsorge ausbleibt, in der Durchhaltevermögen und Resilienz gefragt sind, sind kreatives und innovatives Denken über alle Grenzen hinweg unabdinglich. 

 

In einer Krisenzeit wie jetzt darf der derzeitige Fokus deshalb gerade nicht auf der Dichotomie von ‚Eigenem‘ und ‚Fremden‘ liegen, sondern auf Ähnlichkeit, auf dem, was Anil Bhatti als „indifference to difference“ bezeichnet. Für eine sich als offen verstehende Gesellschaft muss die wechselseitige Abhängigkeit von verschiedenen Kulturen eine Selbstverständlichkeit sein. Wollen wir eine polyzentrische und transkulturelle Zivilgesellschaft, so müssen wir eine gewisse kosmopolitische Gelassenheit angesichts angeblicher kultureller Differenzen annehmen.

 

Bezeichnenderweise sind sogenannte Städtepartnerschaften verstärkt im Nachgang einer globalen Krise entstanden: des Zweiten Weltkrieges. Insbesondere nach Kriegsende wurden Bemühungen unternommen, eine Aussöhnung der europäischen Völker sowie die kommunale Zusammenarbeit europäischer Städte und Gemeinden zu fördern. Sinn von Städtepartnerschaften ist nicht nur die Stärkung von Demokratisierungsprozessen, sondern auch das Zusammenfinden von Menschen über nationale Grenzen und Differenzen hinweg. Dieses Zusammentreffen kann aus unterschiedlichen Gründen und in verschiedenen Formen stattfinden: freundschaftliche Begegnungen, kulturelle und soziale Projekte, lösungsorientierte Zusammentreffen angesichts globaler Konflikte. Städtepartnerschaften entstehen demnach besonders durch das Feststellen von gemeinsamen Eigenschaften der Städte, so auch die Städtepartnerschaft zwischen Leeds und Dortmund. Auf geografischer, wirtschaftlicher und kultureller Ebene zeigen beide Städte Ähnlichkeiten auf, auf deren Basis über viele Jahre hinweg Kooperationen und Freund_innenschaften entstanden. Ein Symbol dieser kulturellen Similarität ist beispielsweise die Statue des Barrel Man auf dem Dortmund Square in Leeds, ein Geschenk der Stadt Dortmund, das auf das gemeinsam geteilte Kulturerbe der Bierbrauerei verweist. 

 

Zum 50jährigen Städtejubiläum der Städtepartnerschaft von Dortmund mit Leeds soll die Internetausstellung Was uns verbindet diese auf kulturellen Ähnlichkeiten beruhenden Verbindungen zelebrieren und weiter festigen. In Zusammenarbeit mit dem Kulturbüro der Stadt Dortmund und der Dortmunder Gruppe ist eine Collagenwand mit einer Reihe von verschiedenen Materialien und Formaten entstanden. Diese können von allen Besucher_innen näher betrachtet und virtuell durchstöbert werden: Fotografien, Videos und weiteres dokumentarisches Material, die vergangene künstlerische Kollaborationen und Projekte festhalten, Schnappschüsse, die einen Einblick von neu entstehenden oder bereits seit Jahren gepflegten Freund_innenschaften, Partner_innenschaften, Begegnungen und Zusammenkünften geben, Videobotschaften von Dortmunder und Leedser Persönlichkeiten, sowie auch historische Dokumente, die auf wichtige Schritte und Meilensteine zur Entstehung der Städtepartnerschaft  verweisen.  

 

Nicht nur die derzeitige Corona-Krise macht deutlich, wie wichtig Allianzen und Zusammenhalt sind. Auch der Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union, der allgemeine Rechtstruck europäischer Staaten und das Verweigern von Hilfeleistungen angesichts humanitärer Katastrophen (aktuell zu sehen an den EU-Außengrenzen), machen auf bedauernswerte Weise deutlich, wie nötig es ist, sich auf die Ursprungsidee von Städtepartnerschaften, die parallel zum Europagedanken entstanden ist, zu besinnen: Verständigung, kultureller Austausch und Zusammenarbeit fernab monokultureller identitärer Zuschreibungen. Die Partnerschaft muss weitergehen – jetzt erst recht!

 

 

Geschichte von Städtepartnerschaften 

 

Auch wenn es Städtepartnerschaften historisch betrachtet bereits im Mittelalter gab (urkundlich erwähnt wird beispielsweise die Städtefreundschaft zwischen Paderborn und Le Mans im Jahre 836), wuchs gerade nach dem Zweiten Weltkrieg der Wunsch nach internationaler Zusammenarbeit. So luden zeitnah nach Kriegsende englische, amerikanische, kanadische und belgische Städte deutsche Kommunalvertretungen ein, um einen Eindruck von demokratischer Kommunalverwaltung zu bekommen. Hatten diese Verbindungen in der Nachkriegszeit noch vorwiegend den Charakter von Hilfsaktionen, entstanden in den Folgejahren erste wechselseitige Städtebeziehungen, beispielsweise zwischen Hannover und Bristol 1947. 1951 wurde in Genf ferner der Rat der Gemeinden Europas (RGE) gegründet, der ab 1984 dann zum Rat der Gemeinden und Regionen Europas (RGRE) wurde. Mit dieser Vereinigung, die die europäische Sektion des Weltverbands der Kommunen bildet, wurde eine Grundlage zum Aufbau von internationalen Städtepartnerschaften geschaffen. 

 

 

Die Geschichte der Partnerschaft zwischen Dortmund und Leeds

 

Die Vorgeschichte der Partnerschaft zwischen Leeds und Dortmund geht bereits zurück auf das Ende des Jahres 1949, als Versuche unternommen wurden, zwischen der West Riding of Yorkshire und dem Regierungsbezirk Arnsberg, zwei Gebieten, die sich in Größe und Bevölkerungszahl, Landschaftscharakter und Wirtschaftsstruktur sehr ähnelten, Beziehungen herzustellen. Erste städtepartnerschaftliche Bande wurden in den darauffolgenden Jahren durch Schüler_innen- und Lehrer_innenaustausche geknüpft. Entscheidenden Anstoß gewann die Städtepartnerschaft durch wechselseitige Besuche offizieller Delegationen, so beispielsweise 1957 die Reise des damaligen Oberbürgermeisters Dietrich Keuning und anderer Stadtoberhäupter durch Yorkshire und der Gegenbesuch von Lord Mayor Joseph Hiley und weiterer Repräsentanten im selben Jahr. 

 

Erst durch die Ausrichtung der Auslandskulturtage der Stadt Dortmund 1961 wurden diese anfänglich auf kommunalpolitischer Ebene stattgefundenen Begegnungen sukzessive auf kulturelle, wirtschaftliche und private Bereiche erweitert. So entstand beispielsweise eine Zusammenarbeit zwischen Studierenden und Lehrenden der Werkkunstschule Dortmund und des Leeds College of Art, aus der auch ein künstlerischer Austausch zwischen Pitt Moog und Eric Atkinson entstand. Weitere kulturelle Kooperationen, Treffen und Jugendaustausche fanden in den Folgejahren statt und festigten die deutsch-englischen Beziehungen. Offiziell wurde die Städtepartnerschaft schließlich im Rahmen der Auslandskulturtage 1969: Am 2. Juni überreichte Dortmunds Oberbürgermeister Heinrich Sondermann Lord Mayor Alderman Allan R. Bretherick eine Urkunde, in der sich der Rat der Stadt Dortmund verpflichtete, „mit der Stadt Leeds zusammenzuarbeiten für eine glückliche Zukunft der Menschen beider Städte in einer friedlichen Welt und in einem geeinten Europa.“ Eine Gegenurkunde wurde 1970 vom Rat der Stadt Leeds an Sondermann überreicht. 

 

Seitdem wird versucht, diesen regen Austausch zwischen beiden Städten durch unterschiedliche Projekte und Initiativen aufrechtzuhalten. Zu nennen sei hier die künstlerische Kooperation zwischen der Dortmunder Gruppe und der East Street Arts seit 1999, und die literarische Kollaboration (Writers in Transit) zwischen den Dichtern Peter Spafford und Ralf Thenior, aus der das Projekt LD50 entsprang, das den kulturellen Transfer zwischen Dortmund und Leeds intensivieren soll.

 

 

Esra Canpalat, 

Literaturwissenschaftlerin/Autorin

50 Years Dortmund Leeds.

What Connects Us

An Exploration of Private

and Other Photo Albums

 

What is it that connects us? What can we achieve together? In times of lockdowns and social distancing, these questions are more important than ever. Solidarity, community building, teams, friendships, partnerships – even across heteronormative views – help us to get through difficult times. In a situation in which this kind of care is lacking, in which perseverance and resilience are required, creative and innovative thinking across all borders is essential.

 

In a period of crisis just like now, the current focus should therefore not be on the dichotomy between ‘Self’ and ‘Other’, but on similarity, on what Anil Bhatti calls “indifference to difference”. In a society that sees itself as open, the mutual dependence on different cultures must be a matter of course. If we want to live in a polycentric and transcultural civil society, we have to assume a certain cosmopolitan calmness in the face of alleged cultural differences.

 

Typically enough, so-called town twinning intensified in the aftermath of a global crisis: the Second World War. Especially after the end of war, efforts were made to promote a reconciliation of the European nations and the cooperation between European cities and municipalities. The purpose of town twinning is not only to strengthen processes of democratisation, but also to bring people together across national borders and differences. Establishing such connections can take place for different reasons and in different forms: as friendly encounters, cultural and social projects, or as solution-oriented meetings in the face of global conflicts. Town twinning is therefore particularly the result of establishing common characteristics of the towns involved, which is also true for the twinning of Leeds with Dortmund. Geographically, economically and culturally, the two cities exhibit similarities, which have formed the basis for cooperation and friendships over many years. A symbol of the cultural resemblance between the two cities is, for example, the statue of the Barrel Man in Dortmund Square in Leeds, a gift from Dortmund that refers to the shared cultural heritage of beer brewing. 

 

On the occasion of the 50th anniversary of the twinning of Dortmund with Leeds, the online exhibition What Connects Us seeks to celebrate and strengthen these connections which are based on cultural similarities. In cooperation with Dortmund’s City Council (Kulturbüro) and artists association Dortmunder Gruppe, a virtual collage was created consisting of different materials and formats. Visitors can examine the works more closely and look through them. There are photographs, videos and further documentary material depicting past artistic cooperation and projects, snapshots offering an insight into newly emerging or already long-cultivated friendships, partnerships, encounters and gatherings, video messages of personalities from Dortmund and Leeds, as well as historical documents representing important steps and milestones in the twinning of Dortmund with Leeds.

 

Not only the current Corona pandemic shows how important alliances and solidarity are. Britain’s exit from the European Union, the general shift to the right throughout Europe’s political landscape and the refusal to provide assistance in the face of humanitarian catastrophes (currently visible at the EU’s outer borders) also make it regrettably clear how necessary it is to remember the basic ideas behind the concept of twin towns, which arose parallel to the idea of Europe: understanding, cultural exchange and cooperation that goes beyond monocultural identity politics. The partnership has to continue – now more than ever!

 

 

History of Town Twinning

 

Even though town twinning has historically existed since the Middle Ages (for example, the twinning between Paderborn and Le Mans is mentioned in documents in the year 836), the desire for international cooperation grew especially after the Second World War. Therefore, British, American, Canadian and Belgian towns invited German municipal authorities shortly after the end of war to get an impression of their democratic local government. While these post-war connections still had predominantly the character of aid operations, the first instances of reciprocal town twinning were established in the following years, for example that between Hanover and Bristol in 1947. In 1951, the Council of European Municipalities (CEM) was founded, which was renamed Council of European Municipalities and Regions (CEMR) in 1984. This institution, which forms the European section of the World Organization of United Cities and Local Governments, laid the groundwork for building an international town twinning network. 

 

 

The History of the Town Twinning

of Dortmund with Leeds

 

The beginnings of the partnership between Leeds and Dortmund date back to the end of the year 1949, when attempts were made to establish a relationship between the West Riding of Yorkshire and the administrative district of Arnsberg, two regions that were very similar in size, population, landscape and economic structure. The first town twinning ties were established in the following years by means of student and teacher exchanges. The town twinning gained decisive impetus through reciprocal visits by official delegations, like the journey of the then Lord Mayor of Dortmund Dietrich Keuning through Leeds in 1957 and the return visit of Leeds’ Lord Mayor Joseph Hiley and other representatives in the same year.

 

Yet it was not until the International Culture Days held in Dortmund in 1961 that these encounters, which initially took place on the level of local politics, were gradually expanded to include the cultural, economic and private domain. In this way, for instance, a collaboration between students and teachers of the Werkkunstschule Dortmund (which merged with other institutions to form the University of Applied Sciences and Arts in 1971) and the Leeds College of Art arose, which also resulted in an artistic exchange between Pitt Moog and Eric Atkinson. Further cultural cooperation, meetings and youth exchanges took place in the following years, strengthening the German-English ties.

Finally, the town twinning was made official in 1969 within the context of the International Culture Days. On 2 June the Lord Mayor of Leeds, Alderman Allan R. Bretherick, was presented with a written declaration by Dortmund’s Lord Mayor Heinrich Sondermann, in which the City Council of Dortmund “commits itself […] to cooperate with the City of Leeds to ensure a happy future for the people of both cities, a peaceful world and a united Europe”. A counterpart declaration was presented to Sondermann by the City Council of Leeds in 1970.

 

Since then, a lot of effort has been put into maintaining this lively exchange between the two cities through different projects and initiatives. Examples of this endeavour include the artistic cooperation between Dortmunder Gruppe and East Street Arts since 1999, and the literary collaboration (Writers in Transit) between poets Peter Spafford and Ralf Thenior, from which the LD50 project arose, which aims at intensifying the cultural transfer between Dortmund and Leeds.

 

 

Esra Canpalat,
Literary scholar, Author